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ESC Acute CardioVascular Care Congress (ACAV)

ACAV-Kongress: Intensivmedizin praxisnah mit ESC Heart Team erleben

OÄ Dr. Tina Muhr ist stellvertretende Vorsitzende der ÖKG-Arbeitsgruppe Kardiovaskuläre Intensivmedizin und Notfallmedizin – sie hat den ESC Acute CardioVascular Care Congress besucht und erklärt im Interview, welche Neuerungen vorgestellt wurden und was den Kongress so besonders macht.

Der ESC Acute CardioVascular Care Congress (ACVC) hat im März in Lissabon stattgefunden. Frau Dr. Muhr, was waren Ihre persönlichen Highlights des Kongresses?

T. Muhr: Das Besondere am diesjährigen ACVC-Kongress war die konsequente Einbindung des interdisziplinären Heart-Teams als roter Faden durch das gesamte Programm. Ein herausragendes Highlight stellte dabei eine Session im neuen Format „ESC Heart Team at Work“ dar. In dieser innovativen Sitzung nahmen die Präsident:innen verschiedener ESC-Subgruppen aktiv die Rollen innerhalb eines Heart-Teams ein und diskutierten anhand eines konkreten Fallbeispiels die komplette klinische Reise einer Patientin mit akuter Koronardissektion.

Die Diskussion spannte sich von der initialen Diagnosestellung über die Durchführung der Koronarangiografie bis hin zur intensivmedizinischen Betreuung bei kardiogenem Schock, einschließlich einer Reanimationssituation, und reichte schließlich bis zur Rehabilitation. Besonders lehrreich war die interaktive Diskussion zentraler Entscheidungsfragen: Wie sollte das initiale therapeutische Vorgehen aussehen? Wann ist welche Strategie indiziert? Welche Rolle spielen mechanische Kreislaufunterstützungssysteme? Und nicht zuletzt: Hätte sich der Verlauf möglicherweise verhindern lassen?

Diese Session war aus meiner Sicht eine der qualitativ hochwertigsten, die ich je erlebt habe, da sämtliche Aspekte der Versorgung umfassend und multidisziplinär beleuchtet wurden. Hervorzuheben ist auch, dass neben der ärztlichen Perspektive explizit die Sichtweise der Pflege (Nursing) integriert wurde, was dem ganzheitlichen Ansatz der ESC entspricht.

Was gab es Neues im Bereich der Kreislaufunterstützungssysteme?

T. Muhr: Kreislaufunterstützungssysteme bleiben ein intensiv diskutiertes Thema, nicht zuletzt aufgrund der in den letzten Jahren publizierten Studiendaten. Am Kongress wurden unter anderem erneut die aktuellen Ergebnisse der DanGerShock-Studie aufgegriffen. Dabei wurde insbesondere auf die hohe Rate an Blutungskomplikationen hingewiesen. Bemerkenswert ist, dass diese nicht nur während der aktiven Device-Unterstützung auftreten, sondern bei etwa 50% der Patient:innen auch nach Entfernung des Systems beobachtet werden. Diese Komplikationen stehen zudem in Zusammenhang mit der Hospitalisationsdauer. Interessanterweise zeigte sich jedoch nach 180 Tagen kein signifikanter Unterschied im Gesamt-Outcome. In den Diskussionen wurde daher intensiv erörtert, inwieweit Optimierungen – etwa durch veränderte Gefäßverschlussstrategien, Anpassungen der Antikoagulation oder die Auswahl spezifischer Devices – zu besseren Ergebnissen führen könnten.

Der aktuelle Trend geht klar in Richtung einer personalisierten Therapieentscheidung. Sowohl beim Einsatz von ECMO als auch von Impella-Systemen wird zunehmend differenziert vorgegangen. Entscheidungsrelevant sind dabei Faktoren wie Alter, Komorbiditäten, zugrunde liegende Pathophysiologie sowie die spezifische Genese des kardiogenen Schocks. Zudem zeigen Real-World-Daten, dass viele Patient:innen nicht den Einschlusskriterien klinischer Studien entsprechen, was die Übertragbarkeit der Studiendaten zusätzlich limitiert.

Ein zunehmend wichtiges Thema ist die Rolle von künstlicher Intelligenz, Big Data und Telemonitoring in der Kardiologie. Wie sehen Sie hier die zukünftige Entwicklung?

T. Muhr: Ich bin überzeugt, dass künstliche Intelligenz insbesondere in der Datenanalyse eine immer größere Rolle spielen wird. Bereits jetzt zeigen Studien, dass KI-Anwendungen in der Kardiologie zunehmend an Bedeutung gewinnen. Besonders in der Diagnostik – etwa bei der Detektion von Myokardinfarkten oder der Auswertung bildgebender Verfahren – wird ihr Einsatz voraussichtlich weiter zunehmen.

In der Intensivmedizin ist die Entwicklung derzeit noch weniger klar definiert. Hier könnte KI künftig vor allem in der Risikostratifizierung und Prognoseabschätzung eingesetzt werden, beispielsweise um frühzeitig Patient:innen zu identifizieren, die ein erhöhtes Risiko für Komplikationen haben. Dies könnte langfristig zu einer präziseren und individuelleren Therapieplanung beitragen.

Welche aktuellen Therapien sehen Sie als besonders relevant für die Verbesserung von Outcome und Überleben?

T. Muhr: Ein zentrales Thema war die katheterbasierte Therapie bei Pulmonalarterienembolie. Am Kongress wurden erste Daten der STRIKE-PE-Studie präsentiert, die die Ergebnisse der STORM-PE-Studie mit einem anderen Device bestätigen. Dabei zeigte sich eine signifikante Verbesserung des Rechtsventrikel-zu-Linksventrikel-Verhältnisses (RV/LV-Ratio) 48 Stunden nach mechanischer Thrombektomie in Kombination mit Antikoagulation im Vergleich zur alleinigen Antikoagulation.

Weitere wichtige Daten werden noch in diesem Jahr erwartet, unter anderem von der PATHOS-Studie, deren Ergebnisse voraussichtlich beim AHA-Kongress vorgestellt werden. Zusätzlich stehen 2-Jahres-Outcome-Daten zur Low-Dose-Thrombolyse bei Patient:innen mit intermediär-hohem Risiko aus, die potenziell Einfluss auf zukünftige Leitlinien haben könnten.

Die HI-PEITHO-Studie untersuchte die kathetergestützte Lyse mittels Ultraschallkatheter im Vergleich zu einer rein konservativen Therapie. Der primäre Endpunkt, bestehend aus Tod durch Lungenembolie oder lebensbedrohlichem hämodynamischem Kollaps, zeigte eine deutliche Reduktion zugunsten der Interventionsgruppe (4,0% vs. 10,3%), was einer relativen Risikoreduktion von 61% entspricht. Zudem wurde eine signifikante Reduktion kardiorespiratorischer Dekompensationen beobachtet.

Gab es neue Erkenntnisse zur Behandlung von Arrhythmien im intensivmedizinischen Setting?

T. Muhr: In diesem Zusammenhang ist insbesondere eine „Controversies“-Session hervorzuheben, in der katheterbasierte Verfahren der rein medikamentösen Therapie, insbesondere mit Amiodaron, gegenübergestellt wurden. Die zentrale Botschaft war, dass die therapeutische Entscheidung maßgeblich von der zugrunde liegenden Genese der ventrikulären Tachykardie abhängt. Insbesondere bei postinfarktbedingten Arrhythmien kann ein initial konservativeres Vorgehen sinnvoll sein, während bei anderen Ursachen möglicherweise frühzeitig interventionelle Strategien in Betracht gezogen werden sollten.

Welche medikamentösen Therapiestrategien standen im Fokus?

T. Muhr: Ein wichtiger Punkt war die frühzeitige und konsequente Senkung des LDL-Cholesterins, idealerweise bereits in der Akutphase und somit auch auf der Intensivstation. Empfohlen wird der frühzeitige Einsatz hochdosierter Statine in Kombination mit Ezetimib.

Darüber hinaus wurde der frühe Beginn der leitliniengerechten Therapie bei akuter Herzinsuffizienz betont, die sogenannten „fantastic four“: SGLT2-Inhibitoren, Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten, Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren sowie Betablocker.

Als potenzieller prognostischer Marker wurde zudem die Entwicklung inflammatorischer Parameter diskutiert, insbesondere die Abnahme von Interleukin-6 am dritten Tag, die offenbar mit der Mortalität korreliert.

Was darüber hinaus macht für Sie den Kongress besonders interessant?

T. Muhr: Der ACVC ist ein ausgesprochen praxisorientierter Kongress mit einem starken Fokus auf interaktive Formate. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen „Controversies“-Sessions sowie die sogenannten „Fast and furious“-Debatten, die aktuelle Fragestellungen pointiert und lebendig diskutieren.

Ein weiteres zentrales Element war die „Clinical Case Corner“, in der kontinuierlich reale Fallbeispiele präsentiert und diskutiert wurden. Darüber hinaus spielt die internationale Vernetzung eine wichtige Rolle: Innerhalb der ACVC gibt es National Representatives sowie Young National Representatives, die eng mit nationalen Fachgesellschaften zusammenarbeiten. Ziel ist unter anderem die Organisation gemeinsamer Sessions auf nationalen Kongressen sowie die Durchführung internationaler Surveys zur kardiovaskulären Intensivmedizin.

Geplant ist zudem die Erarbeitung gemeinsamer Positionspapiere. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die ACVC die Teilnahme junger Kolleg:innen durch Stipendien aktiv fördert.

Ist im Herbst wieder ein intensivmedizinischer Kongress geplant?

T. Muhr: Ja, am 27. und 28. November findet der sechste ÖSKIM-Kongress in Salzburg statt, organisiert von der österreichischen Arbeitsgruppe für kardiovaskuläre Intensivmedizin. Ein besonderes Highlight wird eine Joint Session mit der ACVC sein, die sich dem Thema kardiogener Schock widmet. Diskutiert werden unter anderem das Takotsubo-Syndrom, der kombinierte kardiogene und septische Schock, ECMELLA-Konzepte sowie die neue S3-Leitlinie zum kardiogenen Schock.

Praxistipp
ÖSKIM-Kongress am 27. und 28. 11. 2026 in Salzburg. Wir laden Sie herzlich dazu ein!

Das Programmkomitee besteht aus Prof. Dirk von Ledewinski, Prof. Christoph Brenner, Prof. Bernhard Richter und mir. Während der Freitag thematisch breit gefächerte Inhalte aus der kardiovaskulären und allgemeinen Intensivmedizin abdeckt, steht der Samstag ganz im Zeichen der Interaktivität – mit Quizformaten und praxisnahen Workshops.

Ein großer Vorteil der Intensivmedizin ist das starke Engagement des Nachwuchses. Viele junge Kolleg:innen bringen großes Interesse und hohe Motivation mit, sich aktiv einzubringen und die Zukunft des Fachs mitzugestalten.

Vielen Dank für das Gespräch!
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