Aknetherapie ohne hormonelle Kontrazeption
Autor:
Dr. Johannes Bisschoff
Facharzt für Dermatologie
Medizin am Hauptbahnhof, Wien
E-Mail: bisschoff@derma-wien.at
Web: www.derma-wien.at
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Akne vulgaris ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Talgdrüsenfollikel und betrifft bis zu 80% der Jugendlichen sowie einen erheblichen Anteil erwachsener Frauen.1 Während die Erkrankung oft als „banal“ wahrgenommen wird, sind die klinischen Konsequenzen keineswegs trivial: persistierende Entzündung, postinflammatorische Hyperpigmentierung, atrophe oder hypertrophe Narben und eine signifikante psychosoziale Belastung. Gerade bei jungen Frauen stellt sich in der interdisziplinären Betreuung durch Dermatologie und Gynäkologie häufig ein therapeutisches Spannungsfeld dar.
Einerseits besteht bei moderater bis schwerer Akne frühzeitig die Indikation zu effektiven systemischen Therapien, um Narbenbildung zu verhindern. Andererseits wünschen viele Patientinnen keine hormonelle Kontrazeption oder haben Kontraindikationen gegen kombinierte orale Kontrazeptiva. Zusätzlich ist Isotretinoin zwar hochwirksam, jedoch teratogen und an strenge Schwangerschaftsverhütungsprogramme gebunden.
Moderne Therapieoptionen ermöglichen heute allerdings eine evidenzbasierte differenzierte Behandlung ohne primäre hormonelle Intervention.
Pathophysiologie als Grundlage gezielter Therapie
Die Pathogenese der Akne beruht auf vier zentralen Mechanismen:
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Follikuläre Hyperkeratinisierung – gestörte Differenzierung der Keratinozyten führt zur Komedonenbildung.
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Seborrhö – androgenabhängige Überproduktion von Talg
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Mikrobielle Dysbiose – Proliferation von Cutibacterium acnes
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Inflammatorische Immunreaktion – Aktivierung proinflammatorischer Zytokine wie IL-1β und TNF-α
Die Talgdrüse nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Therapien, die Sebumproduktion modulieren oder die Talgdrüsen elektiv reduzieren, greifen direkt in den pathogenetischen Kernmechanismus ein.
Systemisches Spironolacton – antiandrogene Therapie ohne klassische Pille
Spironolacton ist ein Aldosteron-Antagonist mit antiandrogener Wirkung. Es blockiert kompetitiv den Androgenrezeptor und reduziert die sebogene Aktivität der Talgdrüsen.
Evidenzlage
Die randomisierte, placebokontrollierte SAFA-Studie zeigte bei erwachsenen Frauen mit Akne nach 24 Wochen eine signifikante Verbesserung unter Spironolacton gegenüber Placebo.2
Eine retrospektive Kohortenanalyse konnte zudem zeigen, dass bei gesunden jungen Frauen ohne Nieren- oder Herzvorerkrankung routinemäßige engmaschige Kaliumkontrollen nur begrenzten zusätzlichen klinischen Nutzen haben.3
Klinische Anwendung
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Initial 50mg/Tag, Steigerung auf 100–150mg möglich
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Wirkeintritt meist nach 8–12 Wochen
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Gute Langzeitverträglichkeit
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Off-Label-Anwendung in Österreich
Da feminisierende Effekte auf männliche Feten beschrieben wurden, ist ein Schwangerschaftsausschluss vor Therapiebeginn essenziell.2 Eine hormonelle Kontrazeption ist nicht zwingend erforderlich, jedoch wird eine sichere Verhütungsstrategie empfohlen.
Topische Antiandrogene – Clascoteron (Winlevi®)
Mit Clascoteron 1% Creme (Winlevi®) steht erstmals ein topischer Androgenrezeptor-Inhibitor zur Verfügung, der gezielt an einem zentralen pathogenetischen Mechanismus der Akne ansetzt: der androgenvermittelten Sebumproduktion.
Wirkmechanismus
Clascoteron ist ein topischer Androgenrezeptor-Antagonist. Es konkurriert lokal mit Dihydrotestosteron (DHT) am Androgenrezeptor der Talgdrüse und reduziert dadurch die sebogene Aktivität sowie inflammatorische Signalwege. Der entscheidende Vorteil liegt in der lokalen Wirkung bei minimaler systemischer Exposition, da der Wirkstoff nach dermaler Aufnahme rasch zu inaktiven Metaboliten hydrolysiert wird.
Evidenzlage
In zwei identisch konzipierten randomisierten, doppelblinden Phase-III-Studien mit insgesamt über 1400 Patient:innen mit moderater bis schwerer Akne führte Clascoteron 1% zweimal täglich angewendet zu einer signifikanten Reduktion entzündlicher und nichtentzündlicher Läsionen im Vergleich zu Vehikel.4
Eine zusätzliche Langzeitsicherheitsstudie über 9 Monate bestätigte die gute Verträglichkeit ohne klinisch relevante systemische antiandrogene Effekte.5
Clascoteron wurde 2020 von der US-amerikanischen FDA und im Oktober 2025 von der EMA zur Behandlung der Akne vulgaris bei Patient:innen ab 12 Jahren zugelassen.
Klinische Bedeutung
Clascoteron stellt eine echte pathogenetische Topikaltherapie dar, da es direkt in die androgenabhängige Sebumproduktion eingreift. Damit schließt es eine therapeutische Lücke zwischen klassischen topischen Therapien (Retinoide, Benzoylperoxid) und systemischen Antiandrogenen wie Spironolacton.
Besonders relevant ist diese Option für:
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Patientinnen mit hormonell getriggerter Akne,
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Frauen, die keine systemische Antiandrogentherapie wünschen,
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Situationen, in denen eine hormonelle Kontrazeption nicht indiziert ist.
Durch die lokale Wirkweise ist keine systemische Laborüberwachung notwendig.
1726-nm-Laser (Accure®) – selektive Talgdrüsenmodulation
Abb. 1: Behandlung einer Patientin mit dem Accure®-System.
Mit freundlicher Genehmigung von Quanta System
Eine innovative nichtsystemische Therapie stellt die Behandlung mit einem 1726-nm-Laser dar (Accure®-System; Abb. 1). Diese spezifische Wellenlänge wird gezielt von talgdrüsenreichem Gewebe absorbiert und dies ermöglicht eine gezielte thermische Modulation der Talgdrüse.
Wirkmechanismus
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Selektive Photothermolyse der Talgdrüsen
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Temperaturkontrollierte Energieabgabe („treattotemperature“)
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Schonung der Epidermis durch integrierte Kühlung
Die thermische Einwirkung führt zu einer partiellen, langfristigen Reduktion der Talgdrüsenaktivität.
Klinische Daten
In einer multizentrischen Studie zeigte das 1726-nm-System eine signifikante Reduktion entzündlicher Läsionen bei moderater bis schwerer Akne.6
Besonders relevant ist die anhaltende Wirkung:
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Deutliche Läsionsreduktion bereits nach 12 Wochen
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Persistierende klinische Verbesserung nach 6 Monaten
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Weitere stabile Resultate nach 9–12 Monaten
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Nachhaltige Senkung der Sebumproduktion als pathogenetischer Kerneffekt
Die FDA erteilte 2022 die Zulassung zur Langzeitbehandlung von Akne.
Typischerweise erfolgen vier Sitzungen im Abstand von vier Wochen. Die Therapie ist ganzjährig durchführbar und eignet sich für verschiedene Hauttypen.
Abbildung 2 zeigt ein Beispiel einer Patientin vor und sechs Monate nach der Behandlung mit dem Accure®-System.
Abb. 2: Haut einer Patientin vor und sechs Monate nach der Behandlung.
Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Christine Dierickx (Skinperium, Luxembourg).
Sicherheit
Nebenwirkungen sind meist mild und vorübergehend (Erythem, diskrete Schwellung, Trockenheit). Systemische Risiken bestehen nicht.
Multimodale Therapiealgorithmen
In der klinischen Praxis ist die Kombination verschiedener Ansätze häufig zielführend:
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Topische Retinoide zur Normalisierung der Keratinisierung
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Benzoylperoxid zur Reduktion der bakteriellen Last
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Spironolacton bei hormoneller Komponente
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1726-nm-Laser zur nachhaltigen Sebumreduktion
Durch solche Konzepte kann der Einsatz systemischer Antibiotika und oraler Retinoide reduziert werden. Gleichzeitig lassen sich Narbenbildung und Chronifizierung vermeiden.
Interdisziplinäre Relevanz für Gynäkolog:innen
Für die gynäkologische Praxis ergeben sich mehrere zentrale Punkte:
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Nicht jede schwere Akne erfordert eine kombinierte orale Kontrazeption.
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Antiandrogene Therapieoptionen existieren auch ohne klassische „Pille“.
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Laserbasierte Verfahren bieten eine nichtmedikamentöse Alternative.
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Eine strukturierte Abstimmung mit der Dermatologie verbessert die Versorgungssicherheit.
Gerade bei Patientinnen mit Migräne mit Aura, thromboembolischem Risiko oder bestehendem Kinderwunsch stellen nicht hormonelle Strategien eine klinisch wertvolle Option dar.
Praktische Entscheidungsfindung
Eine strukturierte interdisziplinäre Entscheidungsfindung sollte berücksichtigen:
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Schweregrad der Akne
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Narbenrisikore
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produktive Planung
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hormonelle Kontraindikationen
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Patientinnenpräferenz
Ziel ist eine Therapie, die wirksam, sicher und langfristig tragfähig ist.
Fazit
Die Behandlung der moderaten bis schweren Akne bei Patientinnen ohne Wunsch nach hormoneller Kontrazeption ist heute evidenzbasiert möglich. Systemisches Spironolacton, topische androgenmodulierende Substanzen sowie die selektive Talgdrüsenbehandlung mit 1726-nm-Laser (Accure®) erweitern das therapeutische Spektrum deutlich.
Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Dermatologie und Gynäkologie ermöglicht es, reproduktive Sicherheit, therapeutische Wirksamkeit und individuelle Präferenzen gleichermaßen zu berücksichtigen.
Literatur:
1 Tan JK et al.: A global perspective on the epidemiology of acne. Br J Dermatol 2015; 172(1): 3-12 2 Santer M et al.: Effectiveness of spironolactone for women with acne vulgaris (SAFA) in England and Wales: pragmatic, multicentre, phase 3, double blind, randomised controlled trial. BMJ 2023; 381: e074349 3 Plovanich M et al.: Low usefulness of potassium monitoring among healthy young women taking spironolactone for acne. JAMA Dermatol 2015; 151(9): 941-4 4 Hebert A et al.: Efficacy and safety of clascoterone cream 1% for treatment in patients with acne vulgaris: two phase 3 randomized clinical trials. JAMA Dermatol 2020; 156(6): 621-30 5 Eichenfield LF et al.: Long-term safety and efficacy of clascoterone cream 1% in patients with acne vulgaris. J Drugs Dermatol 2021; 20(2): 153-8 6Tanghetti EA et al.: Treatment of acne with a 1726nm laser, air cooling, and real-time temperature monitoring, software-assisted power adjustment to achieve a temperature endpoint with selective sebaceous gland photothermolysis. Lasers Surg Med 2025; 57(3):236-251
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