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Psychoonkologie

Männer, Krebsberatung und die Frage: Should I stay or should I go?

Benötige ich professionelle psychologische Hilfe oder schaffe ich das allein? Diese Frage taucht selten im ärztlichen Gespräch auf, dennoch beschäftigt sie viele Männer mit einer Krebserkrankung, besonders dann, wenn kurative Behandlungsoptionen wie Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung nicht mehr im Vordergrund stehen. Von Krebs betroffene Männer sind psychisch ähnlich hoch belastet wie Frauen, nutzen ambulante psychosoziale Beratungsangebote aber deutlich seltener.

Keypoints

  • Männer mit Krebs sind ebenso hoch belastet wie Frauen, nutzen psychosoziale Unterstützung jedoch deutlich seltener, vor allem im ambulanten Bereich.

  • Ärztliche Empfehlung, konkrete Information über Inhalte der Beratung und der Hinweis auf deren Wirksamkeit sind zentrale Hebel, damit Männer Krebsberatung und andere psychoonkologische Angebote nutzen.

  • Eine Cluster-randomisierte Studie hat belegt, dass ein praxisnahes Massnahmen-paket den Männeranteil in Krebsberatungsstellen leicht bis moderat erhöhen kann.

  • Ein niedrigschwelliges Online-Format für männliche Krebsbetroffene und Angehörige vermittelt Informationen, fördert Austausch und kann als digitales «Add-on» den Weg von Männern in die Krebsberatung vor Ort ebnen.

Trotz hoher Belastung nutzen Männer Hilfe seltener

Zwischen 17 und 47% der Männer mit Krebs sind psychisch hoch belastet, bei Frauen liegen die entsprechenden Werte zwischen 25 und 57%.1,2 Die Unterschiede sind gering. Dennoch liegt der Männeranteil in ambulanten Krebsberatungsstellen (KBS), die professionelle psychosoziale Unterstützung anbieten, nur bei etwa 25 bis 30%.3,4 Qualitative Interviews zeigen: Viele Männer wissen nicht, dass es KBS gibt, haben unklare Vorstellungen («Stuhlkreis», «Seelenstriptease») oder bezweifeln, dass Beratung faktisch «am Krebs etwas ändert». Hinzu kommen Zeitmangel, der Eindruck ausreichender familiärer Unterstützung und das männliche Stereotyp, Probleme allein bewältigen zu müssen.5

Ärztliche Empfehlung als Schlüsselfaktor für die Nutzung

Beobachtungsstudien belegen, dass eine explizite ärztliche Empfehlung die Nutzung psychoonkologischer Angebote deutlich erhöht.6,7 Übertragen auf Krebsberatungsstellen bedeutet das: Wenn Onkolog:innen, Hausärzt:innen und stationär tätige Psychoonkolog:innen ambulante Krebsberatungsangebote aktiv empfehlen und als integralen Teil des Behandlungspfades kommunizieren, kann sich das positiv auf die Inanspruchnahme auswirken. Ohne aktive Empfehlung bleiben viele Männer trotz hoher Belastung oft ohne psychoonkologische Versorgung.

«Gut gegen Kopfkino» – ein Paket massgeschneidert für Männer

Auf Basis einer qualitativen Studie mit der Frage «Was hält Männer davon ab, KBS aufzusuchen?» wurde ein praxisnahes Massnahmenpaket entwickelt, pilotiert und anschliessend in einer Cluster-randomisierten Interventionsstudie in 14 KBS getestet.5,8,9 Es umfasste vier Säulen:

  • Information von Zuweisenden über männerspezifische Barrieren und die Wichtigkeit aktiver Empfehlung von psychosozialer Krebsberatung (Kurzvorträge, Netzwerkpflege)

  • Öffentlichkeitsarbeit mit dem Slogan «Gut gegen Kopfkino» (Flyer, Plakate, Website, Info-Film, Rezeptblock «Krebsberatung auf Rezept»

  • strukturelle Anpassungen in den Beratungsstellen (z.B. Abendsprechstunden)

  • männerspezifische Aktivitäten (Bewegung und Informationsangebote, z.B. gemeinsame Aktivitäten wie Wandern, «Fit im Freien» oder Segeln)

In der Interventionsgruppe stieg der Männeranteil an Erstkontakten von 30,2% auf 30,7%, während er in der Kontrollgruppe um 0,7% sank. Modellbasierte Analysen ergaben eine Odds Ratio (OR) von etwa 1,2 (95%, CI: 1,0–1,4; p=0,08). Ein leichter, trendmässiger Anstieg ohne formale statistische Signifikanz. Für den sekundären Endpunkt «Erst- und Folgekontakte» zeigte sich dagegen ein statistisch signifikanter Effekt (OR1,3; 95% CI: 1,1–1,6) zugunsten der Interventionsgruppe.

Online-Männertreff als digitales Zusatzangebot

Abb. 1: Flyer für den Männertreff (Gestaltung durch Uta Koslik, Leipzig)

Ein Fazit aus der Interventionsstudie war, dass ergänzende, explizit auf Männer zugeschnittene Angebote die Wirkung des Massnahmenpakets verstärken können. Daraus entstand die Idee, inspiriert vom Online-Format «Herrenzimmer» der Österreichischen Krebshilfe (initiiert durch Martina Löwe, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe und den Psychoonkologie-Leitenden der Landesvereine der Österreichischen Krebshilfe), ein ähnliches Angebot auch in Deutschland zu schaffen. Dieses wurde zusammen mit 15 KBS umgesetzt und das Online-Format «Gut gegen Kopfkino» für Männer geschaffen, das seit 2024 existiert und von Alexander Greiner (Gesundheitsjournalist) professionell moderiert wird. Das Onlineangebot wird über die Krebsberatungsstellen selbst, Flyer (Abb. 1), Social Media und die Website www.gutgegenkopfkino.de beworben.

Zwischen Januar und November 2024 nahmen 231 Männer an elf Treffen teil, im Mittel 21 Teilnehmer pro Abend; etwa zwei Drittel kamen mehr als einmal.10 Nicht veröffentlichte Zahlen für das Jahr 2025 zeigen einen Anstieg der Teilnahme um 14,7% (von 231 auf 265 Teilnehmer). Die häufigsten Diagnosen waren Prostatakarzinome, hämatologische Neoplasien und Tumoren des Gastrointestinaltraktes. Die Kombination aus kurzem Fachimpulsreferat (z.B. Fatigue, Sexualität, Berufsrückkehr) und moderiertem Austausch wurde von den Teilnehmern als hilfreich, verständlich und entlastend beschrieben. Der Online-Männertreff ersetzt keine Vor-Ort-Krebsberatung, senkt aber Hemmschwellen: Männer können zunächst anonym zuhören, positive Erfahrungen mit Austausch machen und bei Bedarf eine persönliche Beratung in der KBS in Anspruch nehmen.

Fazit für die Praxis: den Weg zum «Go» ebnen

Aus all dem ergeben sich drei praktische Konsequenzen:

  • Psychische Belastung und Unterstützungsbedarf sollten routinemässig mit standardisierten Instrumenten erfasst und direkt mit klaren Empfehlungen zur ambulanten Krebsberatung verknüpft werden.

  • Ärzt:innen und medizinisches Fachpersonal sollten Männern verständlich und konkret vermitteln, was Krebsberatung leistet, und dabei ausdrücklich auf die Wirksamkeit professioneller psychoonkologischer Unterstützung hinweisen.

  • Eine männergerechte, geschlechtersensible Sprache ist wichtig: sachlich, alltagsnah, mit Hinweis auf die niedrigschwelligen Bewegungs- und Onlineangebote, die den Weg in die psychosoziale Beratung erleichtern können.

So bekommt die leise oder unausgesprochene Frage «Should I stay or should I go?» eine klare Richtung, hin zu einem «Go» in Richtung ambulanter Krebsberatung, die Männer mit einer Krebserkrankung spürbar entlasten und stärken kann.

1 Strong V et al.: Emotional distress in cancer patients: the Edinburgh Cancer Centre symptom study. Br J Cancer 2007; 96(6): 868-74 2 Mehnert A et al.: One in two cancer patients is significantly distressed: prevalence and indicators of distress. Psycho-Oncology 2018; 27(1): 75-82 3 Giesler JM et al.: Ambulante psychoonkologische Versorgung durch Krebsberatungsstellen – Leistungsspektrum und Inanspruchnahme durch Patienten und Angehörige. Psychother Psych Med 2015; 65(12): 450-8 4 Ernst J et al.: Sozialrechtliche Beratung in ambulanten Krebsberatungsstellen: Angebote und Inanspruchnahme durch Ratsuchende. Bundesgesundheitsbl 2016; 59(11): 1476-83 5 Bayer O et al.: Was Männer davon abhält, ambulante Krebsberatungsstellen aufzusuchen. Eine qualitative Studie. Onkologe 2020; 26(11): 1047-55 6 Frey NA et al.: Oncologist recommendation matters!—Predictors of psycho-oncological service uptake in oncology outpatients. Psycho-Oncology 2019; 28(2): 351-7 7 Goerling U et al.: Predictors of cancer patients’ utilization of psychooncological support: examining patient’s attitude and physician’s recommendation. J Cancer Res Clin Oncol 2023; 149(20): 17997-8004 8 Wünsch A et al.: Krebsberatung: «Gut gegen Kopfkino»: Maßnahmen, die Männern den Weg in Krebsberatungsstellen ebnen – Ideen und Empfehlungen aus der Praxis. Onkologie 2023; 29(12): 1078-87 9 Singer S et al.: Men’s access to outpatient psychosocial cancer counseling. Dtsch Ärztebl Int (Internet) 2024; verfügbar unter: www.aerzteblatt.de/10.3238/arztebl.m2024.0005 (zitiert 27. Februar 2025) 10 Greiner A et al.: „Gut gegen Kopfkino“ – Online-Männertreff. Onkologie 2025; 31(9): 919-27

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