Sonografie in HNO-Hand
Autor:
Dr. David Jäger, MSc (CE)
Abteilung für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Phoniatrie
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien
E-Mail: david.jaeger@bbwien.at
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Die Sonografie ist in vielen klinischen Fächern längst mehr als ein rein extern angefordertes bildgebendes Verfahren – in der HNO-Medizin wird sie in Österreich jedoch vielerorts noch nicht routinemäßig von den Abteilungen selbst durchgeführt. Ihr besonderer Nutzen entsteht dort, wo HNO-Ärzt:innen sie selbst anwenden: als Ergänzung zur klinischen Untersuchung, apparativen Diagnostik und Therapieplanung. Der Kompetenzaufbau braucht Zeit und Struktur, bringt im Alltag aber einen klaren diagnostischen und klinischen Mehrwert.
Keypoints
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Die selbst durchgeführte Sonografie bietet in der HNO-Medizin einen relevanten Mehrwert für Diagnostik, Verlaufskontrolle und klinische Entscheidungsfindung.
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Ihr besonderer Nutzen liegt in der unmittelbaren Verbindung von klinischer Untersuchung, apparativer Diagnostik und Therapieplanung.
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Die Etablierung erfordert Zeit, Ausbildung, regelmäßige Anwendung, strukturierte Dokumentation und eine enge Zusammenarbeit mit der Radiologie.
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Über die Diagnostik hinaus eröffnet die Sonografie interventionelle und intraoperative Anwendungsmöglichkeiten.
Dass die Sonografie in der HNO-Medizin sinnvoll ist, steht außer Frage. Sie ist Teil einer Entwicklung, die auch in anderen Fachdisziplinen zu beobachten ist: Bildgebung wird zunehmend dort eingesetzt, wo die klinische Fragestellung entsteht. Entscheidend ist daher nicht nur, ob Sonografie verfügbar ist, sondern auch wie sie in den Alltag einer HNO-Abteilung integriert wird und ob sie von den behandelnden HNO-Ärzt:innen selbst genutzt werden kann.
Einen Einblick in die aktuelle Situation liefert eine Umfrage der YoungHNO der Österreichischen HNO-Gesellschaft aus dem Jahr 2025 (Abb.1). An der Erhebung nahmen 65 Assistenzärzt:innen und junge Fachärzt:innen teil. Dabei zeigte sich, dass Sonografie nur an etwa einem Drittel der Abteilungen strukturiert angewandt und gelehrt wird. Zugleich ist auch die regelmäßige eigene Anwendung sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Umfrage macht damit deutlich, dass zwischen dem grundsätzlichen Stellenwert der Sonografie und ihrer tatsächlichen Verankerung in Ausbildung und klinischer Routine noch eine Lücke besteht.
Klinischer Nutzen
Der Nutzen der Sonografie in HNO-Hand liegt in ihrer unmittelbaren Verfügbarkeit. Die HNO-Heilkunde ist ein Fach der klinischen Korrelation: Anamnese, Statuserhebung, apparative Diagnostik und Therapieentscheidung greifen häufig in einem einzigen Untersuchungsgang ineinander. Wird die Sonografie von HNO-Ärzt:innen selbst durchgeführt, entsteht kein nachgelagerter Zusatzbefund, sondern eine diagnostische Information, die direkt in die klinische Beurteilung einfließt.1
Die Untersuchung kann genau dann eingesetzt werden, wenn eine Fragestellung entsteht: in der Ambulanz, auf der Station und in ausgewählten Fällen auch intraoperativ. Das verkürzt diagnostische Wege, beschleunigt Entscheidungen und erleichtert die präzise Einordnung von Befunden.2 Für Patient:innen bedeutet das häufig weniger zusätzliche Termine, weniger Wege und eine Abklärung aus einer Hand.
Besonders deutlich wird dies bei typischen HNO-Konstellationen. Ein zervikaler Lymphknoten wird nicht nur beschrieben, sondern auch differenziert sonografisch beurteilt und unmittelbar klinisch eingeordnet. Gleiches gilt für Speicheldrüsenschwellungen, unklare Halsweichteilprozesse oder suspekt imponierende Raumforderungen. Auch bei Verdacht einer Nasenbeinfraktur kann die Sonografie präzise, schnell und ohne Strahlenbelastung eingesetzt werden. Für die behandelnden Ärzt:innen bedeutet die selbst durchgeführte Sonografie eine unmittelbare Zusatzinformation bei der Diagnostik und Entscheidungsfindung.
Ein weiterer wesentlicher Vorteil liegt in der Verlaufskontrolle. Wenn Befunde strukturiert dokumentiert und bildlich hinterlegt sind, lassen sie sich bei späteren Kontrollen gezielt wiederfinden und zuverlässig vergleichen. Auch die präoperative Einschätzung profitiert davon, wenn die operierende Person einen Befund nicht nur aus einem schriftlichen Bericht kennt, sondern auch selbst sonografisch beurteilt hat. Lage, Ausdehnung, Abgrenzbarkeit und Nachbarschaftsverhältnisse werden dadurch konkreter und klinisch besser fassbar.
Voraussetzungen für die Etablierung im Alltag
Die Einführung der Sonografie an einer Abteilung erfordert mehr als die bloße Verfügbarkeit eines Ultraschallgeräts. Wo noch keine entsprechende Expertise vorhanden ist, muss diese gezielt aufgebaut werden – etwa durch Kurse, Hospitationen, Supervision und den Austausch mit erfahrenen Kolleg:innen. Entscheidend ist zugleich die regelmäßige Anwendung im klinischen Alltag: Sonografische Sicherheit entsteht nicht durch einzelne Untersuchungen, sondern durch wiederholte Praxis, Befundbesprechungen und die Möglichkeit, Befunde im Verlauf nachzuvollziehen.
Besonders in der Anfangsphase müssen dafür bewusst zeitliche Ressourcen eingeplant werden. Untersuchungen dauern zunächst länger, normale und pathologische Muster müssen sicher erlernt, standardisierte Untersuchungsgänge verinnerlicht und Befunde kontrolliert werden. Dieser Aufwand ist Voraussetzung dafür, dass Sonografie nicht nur verfügbar ist, sondern auch tatsächlich Teil der klinischen Routine wird. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich die dafür investierten zeitlichen Ressourcen im klinischen Alltag deutlich auszahlen.
In dieser Phase ist die Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen der Radiologie unserer Erfahrung nach besonders wichtig. Ziel ist nicht, radiologischen Abteilungen Untersuchungen „wegzunehmen“. Die HNO-eigene Sonografie ergänzt vielmehr die radiologische Diagnostik dort, wo der unmittelbare klinische Zusammenhang für die Beurteilung und Therapieplanung entscheidend ist. Beide Fächer bringen dabei unterschiedliche, einander ergänzende Perspektiven ein: Radiolog:innen den strukturierten bilddiagnostischen Blick, HNO-Ärzt:innen den direkten Bezug zu Anamnese, Spiegelbefund, Palpation und therapeutischer Konsequenz. Kolleg:innen der Radiologie bleiben wichtige Ansprechpersonen bei unklaren Befunden, bei der Entwicklung gemeinsamer Standards und beim Aufbau sonografischer Sicherheit im Team. Aus diesen Gründen hat es sich bei uns etabliert, komplexe Fälle interdisziplinär zu besprechen – und in ausgewählten Situationen auch gemeinsam zu sonografieren. Davon profitieren beide Seiten: die Kolleg:innen der Radiologie ebenso wie wir HNO-Ärzt:innen.
Neben Ausbildung und Kooperation braucht es geeignete strukturelle Voraussetzungen. Für die HNO-Sonografie sollte ein klar definierter Untersuchungsplatz mit Liege zur Verfügung stehen. Nur so sind eine standardisierte Lagerung, ruhige Untersuchungssituationen und perspektivisch auch interventionelle Anwendungen praktikabel möglich.
Ein weiterer zentraler Baustein ist die strukturierte Dokumentation. Der klinische Wert der Sonografie hängt entscheidend davon ab, ob Befunde nachvollziehbar, reproduzierbar und im Verlauf vergleichbar festgehalten werden. Abbildung 2 zeigt die an unserer Abteilung entwickelte digitale Befundmaske im Krankenhausinformationssystem zur standardisierten sonografischen Beurteilung. Sie unterstützt einen systematischen Untersuchungsgang, erleichtert Verlaufskontrollen und definiert zugleich einen abteilungsinternen Standard. Ergänzend wurden Vorgaben zur Bilddokumentation festgelegt, damit Befunde auch von unterschiedlichen Kolleg:innen zuverlässig wiedergefunden, zugeordnet und im Verlauf verglichen werden können – etwa durch die Beschriftung relevanter Strukturen, die Dokumentation von Raumforderungen in zwei Ebenen und deren Ausmessung in drei Dimensionen.
Perspektiven
Ist die Sonografie einmal im klinischen Alltag angekommen, erweitert sich ihr Nutzen über die reine Diagnostik hinaus. Besonders relevant ist dabei die sonografiegesteuerte Gewebegewinnung. Gerade bei zervikalen Raumforderungen oder suspekten Lymphknoten ist es ein großer Vorteil, wenn die HNO-Abteilung nicht nur die klinische Fragestellung formuliert, sondern auch die sonografische Beurteilung und – bei entsprechender Expertise und Infrastruktur – die sonografiegesteuerte Biopsie selbst durchführen kann. Klinischer Eindruck, Bildgebung und Probengewinnung bleiben dadurch eng miteinander verknüpft.
Darüber hinaus eröffnet die Sonografie weitere interventionelle Möglichkeiten, etwa sonografiegesteuerte Botulinumtoxin-Injektionen in die großen Speicheldrüsen. Auch die intraoperative Sonografie gewinnt für uns zunehmend an Bedeutung. Sie kann helfen, Läsionen gezielt aufzufinden – etwa eine Raumforderung der Parotis oder einen präoperativ bekannten Lymphknoten, der sich intraoperativ nicht unmittelbar eindeutig darstellen lässt. Wir nutzen diese Möglichkeit mittlerweile immer häufiger; sie erleichtert in ausgewählten Fällen die Orientierung und gibt bei herausfordernden Operationen zusätzliche Sicherheit. Gerade hier zeigt sich aus unserer Erfahrung, dass Sonografie nicht nur diagnostisch, sondern auch für die intraoperative Orientierung und Entscheidungsfindung wertvoll sein kann. Aktuelle Arbeiten zur transoralen Sonografie deuten zudem darauf hin, dass sich dieses Feld innerhalb der HNO-Medizin weiterentwickelt.3
Fazit
Die Frage ist heute nicht mehr, ob Sonografie in der HNO-Medizin sinnvoll ist, sondern ob wir uns damit zufriedengeben wollen, dass sie überwiegend außerhalb unseres Fachs stattfindet. Dort, wo HNO-Ärzt:innen selbst sonografieren, rücken klinische Untersuchung, Diagnostik und Therapieplanung enger zusammen. Für Patient:innen bedeutet das weniger Schnittstellen und häufig eine Abklärung aus einer Hand; für Behandelnde entsteht eine präzisere Entscheidungsgrundlage unmittelbar am Ort der klinischen Fragestellung.
Literatur:
1 Moshtaghi O et al.: The role of in-office ultrasound in the diagnosis of neck masses. Otolaryngol Head Neck Surg 2017; 157(1): 58-61 2 Kwok MMK et al.: Surgeon-performed ultrasound in a head and neck surgical oncology clinic: saving time and improving patient care. Eur Arch Otorhinolaryngol 2021; 278(7): 2455-60 3 Garset-Zamani M et al.: Surgeon-performed transoral ultrasonography for detection and staging of oropharyngeal cancers. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2025; 151(9): 833-42
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