Zum 25. Todestag von Prof. Messerklinger
Autor:
Prof. Dr. Michael Schröckenfuchs
Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde
Brunn am Gebirge, Österreich
E-Mail: hnobrunn@gmail.com
Am 5. August 2026 jährte sich der Todestag von Univ.-Prof. Dr. Walter Messerklinger zum 25. Mal. Als Wegbereiter der modernen funktionellen endoskopischen Nasennebenhöhlenchirurgie lebt sein Vermächtnis auch noch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod in jedem Operationssaal weiter.
Kaum ein anderer österreichischer Hals-Nasen-Ohren-Arzt hat die internationale Entwicklung der Rhinologie und Nasennebenhöhlenchirurgie so nachhaltig beeinflusst wie Univ.-Prof. Dr. Walter Messerklinger, der langjährige Vorstand der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Graz (Abb. 1). Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und chirurgischen Innovationen führten zu einem Paradigmenwechsel in der Behandlung chronischer Erkrankungen der Nase und der Nasennebenhöhlen und bilden bis heute die Grundlage der funktionellen endoskopischen Nasennebenhöhlenchirurgie (FESS).
Von Ostermiething nach Graz
Walter Messerklinger wurde am 4. März 1920 in Ostermiething in Oberösterreich geboren. Nach dem Besuch des Benediktinergymnasiums Kremsmünster legte er 1938 die Reifeprüfung ab. Sein Medizinstudium absolvierte er an der Universität Wien, wo er 1943 zum Doktor der gesamten Heilkunde promovierte. Seine berufliche Laufbahn führte ihn an die Universitätsklinik nach Graz. Nach der Habilitation erhielt er 1951 die venia docendi und wurde 1959 zum Vorstand der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde ernannt. Diese Position bekleidete er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1990. Unter seiner Leitung entwickelte sich Graz zu einem internationalen Zentrum der Rhinologie. Generationen von HNO-Ärzten aus aller Welt kamen in die Steiermark, um von seinen Erkenntnissen und seiner chirurgischen Präzision zu profitieren.
Die Revolution des Denkens
Als Messerklinger in den 1950er- und 1960er-Jahren seine Untersuchungen begann, dominierte in der Nasennebenhöhlenchirurgie ein radikales chirurgisches Konzept: Erkrankte Nebenhöhlen wurden großflächig eröffnet, Schleimhäute entfernt und natürliche anatomische Strukturen häufig geopfert. Messerklinger stellte dieses Denken grundlegend infrage.
Mithilfe der damals neu verfügbaren starren Endoskope untersuchte er systematisch die Anatomie und Physiologie der lateralen Nasenwand sowie die mukoziliäre Clearance der Nasennebenhöhlen. Seine Beobachtungen führten zu einer bahnbrechenden Erkenntnis: Chronische Entzündungen entstehen häufig nicht primär in den großen Nasennebenhöhlen, sondern im Bereich der engen Drainagewege des Siebbeins und der ostiomeatalen Einheit. Wird die natürliche Belüftung und Drainage in diesen Regionen wiederhergestellt, können sich selbst ausgeprägte Schleimhautveränderungen der Kiefer- und Stirnhöhlen spontan zurückbilden.
Diese Erkenntnis markierte den Beginn eines völlig neuen Verständnisses der Pathophysiologie chronischer Rhinosinusitiden.
Die Geburt der funktionellen endoskopischen Sinuschirurgie
Aus seinen anatomischen und physiologischen Untersuchungen entwickelte Messerklinger ein neues chirurgisches Konzept. Ziel war nicht mehr die radikale Entfernung von Schleimhaut und Knochen, sondern die Wiederherstellung der natürlichen Funktion der Nasennebenhöhlen.
Die wesentlichen Prinzipien lauteten:
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exakte endoskopische Diagnostik,
-
Erhaltung gesunder Schleimhaut,
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Wiederherstellung natürlicher Drainagewege,
-
funktionserhaltende Chirurgie,
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individuelle Therapie entsprechend der Pathologie.
Dieses Konzept wurde später als „functional endoscopic sinus surgery“ (FESS) weltweit bekannt. In der heutigen Zeit erscheint dieses Vorgehen selbstverständlich. In den 1960er- und 1970er-Jahren bedeutete es jedoch einen revolutionären Bruch mit den damals etablierten chirurgischen Lehrmeinungen.
Wissenschaft gegen Widerstände
Abb. 2: Zeichen der Wertschätzung: Zum 80. Geburtstag bekam Messerklinger ein goldenes Endoskop von der Firma Karl Storz
Nicht alle Kollegen erkannten zunächst die Tragweite seiner Arbeiten. Einige seiner frühen Veröffentlichungen wurden von Verlagen als rein akademische Untersuchungen ohne unmittelbaren klinischen Nutzen beurteilt. Die spätere Entwicklung sollte das Gegenteil beweisen.
Messerklingers Arbeiten zur ostiomeatalen Einheit und zur mukoziliären Clearance gelten heute als Meilensteine der modernen Rhinologie. Seine Forschungsergebnisse schufen die wissenschaftliche Grundlage für eine funktionserhaltende Chirurgie der Nasennebenhöhlen. 1978 veröffentlichte er sein wegweisendes Werk über die Endoskopie der Nase, das weltweit Beachtung fand und Generationen von Rhinologen beeinflusste.
Die Grazer Schule
Besonders bedeutsam war die Ausbildung zahlreicher Schüler, die seine Ideen international verbreiteten. An erster Stelle ist hier Univ.-Prof. Dr. Heinz Stammberger zu nennen. Gemeinsam mit Stammberger, Prof. Dr. David Kennedy und dem Medizintechnikunternehmen Karl Storz wurde die endoskopische Nasennebenhöhlenchirurgie technisch weiterentwickelt und weltweit etabliert – heute ist die Geschichte der modernen Rhinologie untrennbar mit den Namen Messerklinger und Stammberger verbunden. Die Einführung der FESS im englischsprachigen Raum in der Mitte der 1980er-Jahre führte zu einer weltweiten Revolution in der Behandlung chronischer Rhinosinusitiden.
Der Chirurg
Abb. 3: Auch im fortgeschrittenen Alter waren Messerklingers Operationskünste noch gefragt
Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen genoss Messerklinger einen außergewöhnlichen Ruf als Operateur (Abb. 3). Seine chirurgische Präzision war international bekannt. Patienten aus vielen Ländern suchten seine Expertise. Selbst das jordanische Königshaus vertraute auf seine Fähigkeiten. Noch 1995 ließ sich König Hussein von Jordanien von Messerklinger operieren – ein eindrucksvoller Beleg für seine internationale Anerkennung.
Darüber hinaus leistete Messerklinger wichtige Beiträge zur Behandlung von Luftröhrenstenosen sowie zur Chirurgie der vorderen Schädelbasis.
Internationale Anerkennung
Messerklinger veröffentlichte rund 100 wissenschaftliche Arbeiten. Seine Forschung und seine chirurgischen Leistungen wurden weltweit gewürdigt. Zu seinen bedeutendsten Ehrungen zählen:
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Ehrendoktorat der Medizinischen Universität Lublin (Polen) im Jahr 1977,
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Mitgliedschaften in zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Gesellschaften,
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Ehrenring des Landes Steiermark im Jahr 1997,
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zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen für Wissenschaft und Medizin.
Das Vermächtnis
Heute werden jährlich Millionen endoskopischer Nasennebenhöhlenoperationen nach Prinzipien durchgeführt, die auf den Arbeiten Messerklingers beruhen. Die moderne Schädelbasischirurgie, die endonasale Tumorchirurgie sowie zahlreiche minimalinvasive Verfahren der Rhinologie wären ohne seine Grundlagenforschung kaum denkbar.
Bemerkenswert ist dabei, dass viele seiner Konzepte den heutigen Prinzipien einer gewebeschonenden und funktionserhaltenden Chirurgie bereits Jahrzehnte voraus waren. Während in vielen chirurgischen Disziplinen minimalinvasive Verfahren erst in den 1980er- und 1990er-Jahren Einzug hielten, hatte Messerklinger ihre Grundprinzipien bereits in den frühen 1960er-Jahren formuliert und klinisch umgesetzt.
Schlussbetrachtung
25 Jahre nach seinem Tod bleibt Messerklinger eine der prägendsten Persönlichkeiten der europäischen HNO-Heilkunde. Seine wissenschaftliche Neugier, seine anatomische Präzision und sein Mut, etablierte Lehrmeinungen zu hinterfragen, haben die moderne Rhinologie nachhaltig verändert. Jeder HNO-Arzt, der die Nase eines Patienten endoskopisch untersucht, profitiert von den Erkenntnissen Messerklingers.
Univ.-Prof. Dr. Walter Messerklinger war nicht nur ein großer österreichischer HNO-Arzt – er war einer der Väter der modernen endoskopischen Chirurgie.
Literatur:
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