Von der Diagnose zum Code
Autorinnen:
cand.med. Christin Hillner, BSc
Univ.-Doz. Dr. Verena Niederberger-Leppin
HNO Augarten, Wien
E-Mail: Christin.Hd@web.de
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Seit Juli 2026 gehört die ICD-10-Codierung auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zum Alltag. Doch was passiert eigentlich zwischen der klinischen Diagnose und der Übermittlung des Codes? Ein Blick auf ICD-10, Thesaurus und SNOMED CT zeigt, wie unterschiedlich medizinische Ordnungssysteme funktionieren – und warum ihr Zusammenspiel zunehmend relevant wird.
Keypoints
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Seit 1. Juli 2026 müssen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte ihre Diagnosen ICD-10-codiert an die Sozialversicherung übermitteln.
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Die ICD-10 ist eine weltweit etablierte Klassifikation zur einheitlichen Gruppierung und statistischen Auswertung von Diagnosen; die Gruppierung ist ihr Zweck.
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Das alphabetische Thesaurus-Verzeichnis zur ICD-10 erleichtert über Synonyme und unterschiedliche medizinische Bezeichnungen die Suche nach dem passenden ICD-Code.
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SNOMED CT ist eine klinische Terminologie mit hohem Detailgrad, in Österreich erst teilweise auf Deutsch verfügbar.
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Beim e-Health Codierservice erfolgt die Diagnosesuche über SNOMED CT; die Zuordnung zur ICD-10 geschieht mittels Mapping, das nicht immer eindeutig ist und fachlich geprüft werden sollte.
Eine Patientin kommt mit Halsschmerzen in die Ordination. Die Diagnose einer akuten Tonsillitis steht nach kurzer Zeit fest und ist ausreichend für die Therapie. Seit 1. Juli 2026 endet der Fall für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte damit jedoch nicht mehr. Sie sind verpflichtet, ihre Diagnosen ICD-10-codiert an die Sozialversicherung zu übermitteln.1, 2 Neu ist dabei nicht die ICD selbst, sondern der Weg zum Code und wer codieren muss. Mit dem e-Health Codierservice der ELGA GmbH erfolgt die Suche nach dem passenden ICD-10-Code über die klinische Terminologie SNOMED CT.3
Zwischen der Diagnose und dem übermittelten Code liegen damit mehrere Ordnungssysteme. Dieser Beitrag erläutert, worin sich Klassifikation, Thesaurus und Terminologie unterscheiden und warum diese Unterschiede derzeit an Bedeutung gewinnen.
Die ICD-10: eine Klassifikation der WHO
Eine Klassifikation wie die ICD soll medizinische Sachverhalte vergleichbar machen. Dafür fasst sie Diagnosen nach festgelegten Kriterien zu Gruppen zusammen, im Fall der ICD überwiegend nach Organsystem und Krankheitsursache. So lassen sich Diagnosen einheitlich erfassen und statistisch auswerten.4 Der Aufbau ist klar: Jeder Diagnose ist genau ein ICD-Code zugeordnet. An einzelnen Stellen mildert die Kreuz-Stern-Systematik den Informationsverlust ab.
Die ICD wird von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben und folgt einem festgelegten Aufbau. In Österreich wird derzeit die nationale Fassung ICD-10 BMASGPK 2026 verwendet.4 Die Zusammensetzung eines ICD-10-Codes zeigt Tabelle 1 am Beispiel der akuten Tonsillitis.
Der Thesaurus erschließt die ICD-10 durch die klinische Alltagssprache
Ein Thesaurus ist eine geordnete Sammlung von Fachbegriffen, die unter anderem Synonyme sowie Ober- und Unterbegriffe miteinander verknüpft. Anders als eine Klassifikation dient er nicht der Einordnung medizinischer Sachverhalte in Gruppen, sondern ihrer Auffindbarkeit.
Im klinischen Alltag werden statt der amtlichen Diagnosebezeichnungen häufig lateinische Begriffe, Abkürzungen, Synonyme oder historisch gewachsene Bezeichnungen verwendet. Damit die passenden Codes auffindbar bleiben, gehört zur ICD-10 seit Jahrzehnten ein alphabetisches Verzeichnis,das früher als Diagnosenthesaurus bezeichnet wurde. Es führt diese Bezeichnungen dem jeweils zutreffenden ICD-Code zu. Während die ICD-10 BMASGPK 2026 13298 Codes umfasst, enthält das alphabetische Verzeichnis 91344 Einträge.4
SNOMED CT: eine Terminologie aus dem englischen Sprachraum
Eine medizinische Terminologie dient dazu, klinische Sachverhalte möglichst detailliert zu beschreiben. Anders als eine Klassifikation fasst sie diese nicht primär zuGruppen zusammen, sondern bildet ihre Bedeutung und Beziehungen zueinander ab.
Zu den umfassendsten mehrsprachigen medizinischen Terminologien zählt SNOMED CT.6 Sie umfasst rund 370000 Konzepte, darunter neben Diagnosen auch Prozeduren, Körperstrukturen, Symptome, Erreger, Substanzen und Messwerte.
Am Beispiel der akuten Tonsillitis lässt sich der Aufbau verdeutlichen (Abb. 1). Ein „concept“ steht für eine eindeutig definierte medizinische Bedeutung, beispielsweise die Erkrankung „akute Tonsillitis“. Jedes Concept besitzt eine eindeutige Kennung, aus der sich anders als beim ICD-Code weder Erkrankung noch Lokalisation ablesen lässt, einen „fully specified name“ und verschiedene Synonyme („descriptions“). Über „relationships“ wird es mit anderen Concepts verknüpft, etwa mit der betroffenen Körperstruktur oder dem zugrunde liegenden Krankheitsprozess.7 Ein Concept kann dabei mehreren Oberbegriffen zugeordnet sein, sodass ein Netz verschiedener Beziehungen entsteht. Die internationale Referenzversion wird in englischer Sprache gepflegt. Die deutschen Bezeichnungen erarbeiten die nationalen Release-Center Deutschlands, Österreichs und der Schweiz gemeinsam; für Österreich ist die ELGA GmbH zuständig. Eine vollständige Übersetzung ist nicht vorgesehen.8 Die im Mai 2026 veröffentlichte nationale Erweiterung umfasst rund 118000 deutschsprachige Konzepte, Schwerpunkt sind die Diagnosen des österreichischen e-Health Codierservices.9 In der deutschsprachigen Suche ist ein Begriff daher nur auffindbar, wenn das entsprechende Concept bereits übersetzt wurde.
Abb. 1: Aufbau von SNOMED CT am Beispiel der akuten Tonsillitis. Concepts unterschiedlicher Kategorien sind über hierarchische und inhaltliche Beziehungen zu einem semantischen Netzwerk verknüpft. Vereinfachte Darstellung
Mapping: von der Terminologie zur Klassifikation
Werden Terminologie und Klassifikationgemeinsam verwendet, müssen ihre Inhalteeinander zugeordnet werden. Diese systematische Zuordnung wird als Mapping bezeichnet. Zwischen SNOMED CT und der ICD-10 existiert dafür eine Cross-Map.10 Eine eindeutige 1:1-Zuordnung ist dabei häufig nicht möglich: Mehrere SNOMED-CT-Concepts können demselben ICD-10-Code entsprechen, umgekehrt kann ein Concept je nach klinischem Kontext zu unterschiedlichen Codes führen.10 Anders als beim Thesaurus ist die Zuordnung daher nicht eindeutig, die Abbildung des einen Systems im anderen ausgesprochen komplex. Die Cross-Map kann deshalb keine automatische 1:1-Übersetzung sein. Ihre Regeln berücksichtigen zusätzliche Informationen wie Alter oder Begleiterkrankungen; die vorgeschlagenen Codes müssten vor der Weitergabe durch die codierende Person fachlich geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden.10 Im e-Health Codierservice ist dieser Prüfschritt nicht vorgesehen: Nach der Auswahl eines Begriffs wird der hinterlegte Code übernommen, ohne dass dessen amtliche Bezeichnung angezeigt wird.
Abb. 2: Drei medizinische Ordnungssysteme im Vergleich am Beispiel der akuten Tonsillitis: ICD-10 als Klassifikation, alphabetisches Verzeichnis als Suchsystem, SNOMED CT als Terminologie
Einordnung und Ausblick
Wege zum ICD-10-Code gibt es mehrere: die Suche im alphabetischen Verzeichnis, fachspezifische Kurzlisten oder Vorschlagssysteme, die den Code aus dem Freitext ableiten. In Österreich wird der Weg über SNOMED CT angeboten.3 Dieser setzt dreierlei voraus: Erstens muss ein Concept mit deutscher Bezeichnung vorliegen, übersetzt wird jedoch anwendungsfallbasiert, eine Gesamtübersetzung ist nicht vorgesehen.8 Zweitens muss diesem Concept ein ICD-10-Code zugeordnet sein, was nicht immer eindeutig möglich ist.10 Drittens müsste die Zuordnung bei jedem Codierschritt fachlich geprüft werden, ein Schritt, den der Codierservice nicht vorsieht. Den 91344 Bezeichnungen des alphabetischen Verzeichnisses, die sämtlich Diagnosen benennen, stehen rund 118000 übersetzte Concepts gegenüber, die auch chirurgische Prozeduren und alle übrigen Bereiche der Terminologie umfassen.11 Für die Diagnosecodierung bleibt damit ein Teil, der vermutlich deutlich kleiner ausfällt als das alphabetische Verzeichnis, während Befunde, Erreger oder Messwerte auf Deutsch weiterhin lückenhaft sind.
Mit Inkrafttreten der ICD-11 ergibt sich seit 2022 theoretisch ein dritter Weg. Sie bildet klinische Sachverhalte über Erweiterungscodes differenzierter ab.5 Österreich verwendet weiterhin die ICD-10. Aber auch auf europäischer Ebene stellt sich die Frage nach geeigneten Ordnungssystemen. Mit dem Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) sollen Gesundheitsdaten künftig grenzüberschreitend einheitlich nutzbar werden.12 Welche Terminologien und Klassifikationen dafür eingesetzt werden, ist noch offen; entsprechende Durchführungsrechtsakte müssen bis März 2027 vorliegen.12 Welche Ordnungssysteme sich langfristig durchsetzen, entscheidet sich damit nicht allein national.
Literatur:
1 Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Ambulante Leistungs- und Diagnosendokumentation. www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Gesundheitssystem/Gesundheitssystem-und-Qualitaetssicherung/Dokumentation/Ambulante-Leistungs--und-Diagnosendokumentation.html; zuletzt aufgerufen am 6.8.2026 2 Gesundheit Österreich GmbH: Ambulante Diagnosencodierung. goeg.at/ambulante_diagnosencodierung; zuletzt aufgerufen am 6.8.2026 3 ELGA GmbH: e-Health Codierservice – Funktionsweise. codierservice.ehealth.gv.at/funktionsweise/; zuletzt augerufen am 6.8.2026 4 Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: ICD-10 BMASGPK 2026 – Systematisches und Alphabetisches Verzeichnis. Kataloge 2026, Wien 2025. www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Gesundheitssystem/Krankenanstalten/LKF-Modell-2026/Kataloge-2026.html; zuletzt aufgerufen am 6.8.2026 5 World Health Organization: International Classification of Diseases (ICD). www.who.int/standards/classifications/classification-of-diseases; zuletzt aufgerufen am 6.8.2026 6 ELGA GmbH: SNOMED CT. www.elga.gv.at/technischer-hintergrund/snomed-ct/; zuletzt aufgerufen am 6.8.2026 7 SNOMED International: SNOMED CT Starter Guide – SNOMED CT Basics. docs.snomed.org/snomed-ct-practical-guides/snomed-ct-starter-guide/4-snomed-ct-basics; zuletzt aufgerufen am 6.8.2026 8 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Deutsche Übersetzungen von SNOMED-CT-Konzepten. www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Terminologien/SNOMED-CT/Uebersetzung/_node.html; zuletzt aufgerufen am 10.8. 2026 9 ELGA GmbH: SNOMED CT – Austrian Extension. dev.elga.gv.at/projects/Standards/blog/category/snomed/; zuletzt aufgerufen am 10.8.2026 10 SNOMED International: SNOMED CT to ICD-10 Map Specification – ICD-10 Map Overview. docs.snomed.org/snomed-ct-specifications/snomed-ct-to-icd-10-map-specification/introduction/2-icd-10-map-overview; zuletzt aufgerufen am 10.8.2026 11 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: 6. National Edition Germany für SNOMED CT. www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/News/SNOMED_Deutsche_National_Edition_Mai_2026.html; zuletzt aufgerufen am 10.8.2026 12 Verordnung (EU) 2025/327 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Februar 2025 über den europäischen Gesundheitsdatenraum sowie zur Änderung der Richtlinie 2011/24/EU und der Verordnung (EU) 2024/2847. ABl. L, 2025/327, 5.3.2025. eur-lex.europa.eu/eli/reg/2025/327/oj; zuletzt aufgerufen am 10.8.2026 13 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Vorschlagsverfahren für ICD-10-GM und OPS. www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/Vorschlagsverfahren/_node.html; zuletzt aufgerufen am 10.8.2026
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