Die Minimalintervention bei Nikotinkonsum im ärztlichen Alltag
Autorin:
MMag. Sophie Meingassner
Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin
Referentin für Tabak und Nikotin
der Sucht- und Drogenkoordination Wien
E-Mail: sophie.meingassner@sd-wien.at
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Bereits eine kurze, strukturierte Intervention im ärztlichen Alltag kann Patient:innen beim Ausstieg wirksam unterstützen – ohne den zeitlichen Rahmen der Konsultation wesentlich zu belasten.
Keypoints
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Die Minimalintervention ist in vielen Settings des Gesundheitswesens eine praktikable und effektive Möglichkeit zur kurzen Thematisierung des Nikotinkonsums und zur Vermittlung an konkrete Behandlungsangebote.
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Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen können so ihren Patient:innen maßgeblich dabei helfen, den Ausstieg aus dem Nikotinkonsum, der häufig Zeichen eines chronischen Suchtverhaltens ist, besser zu bewerkstelligen und damit Folgeerkrankungen zu vermeiden oder zu lindern.
Im Berufsalltag von Gesundheitsfachleuten ist der regelmäßige Tabak- und Nikotinkonsum ihrer Patient:innen aus folgenden drei Gründen relevant: Schädlichkeit, Verbreitung, Vermeidbarkeit.
Schädlichkeit
Der erste Aspekt sind die Gesundheitsschäden durch Tabak und Nikotin. Regelmäßiger Tabak- und Nikotinkonsum hat vielfältige negative Auswirkungen auf so gut wie alle Körperbereiche. Er ist ein Risikofaktor für eine große Bandbreite von nicht übertragbaren Erkrankungen.1 Viele Fachrichtungen der Medizin sind mit den schädlichen Folgewirkungen konfrontiert bzw. befasst.
Verbreitung
Der zweite relevante Aspekt ist die hohe Prävalenz des täglichen Konsums in Österreich. 24% der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren konsumieren täglich Tabak- und/oder Nikotinprodukte in Form von Rauchwaren (z.B. Zigaretten), elektronischen Inhalationsprodukten (z.B. E-Zigaretten) und rauchfreien Nikotinerzeugnissen (z.B. Nikotinbeuteln).2 Somit weist etwa jede vierte Person regelmäßigen Nikotinkonsum auf und ist dadurch dem Risiko für Folgewirkungen ausgesetzt.
Vermeidbarkeit
Der dritte Aspekt ist die Vermeidbarkeit dieses Risikos. Tägliches Rauchen bzw. täglicher Nikotinkonsum ist häufig ein Hinweis auf Nikotinabhängigkeit, klassifizierbar mit F17.2. in der ICD 10.3 Nikotinabhängigkeit bezeichnet zwar ein chronisches Suchtverhalten, das häufig durch Rückfälle gekennzeichnet ist. Gleichzeitig ist es aber ein Verhalten, das konkret veränderbar ist. Der Ausstieg aus dem Konsum ist in vielen Fällen möglich. Gerade mit frühzeitigen, wiederholten und professionellen Interventionen und individuell passenden Therapieoptionen gelingt das Beenden eines problematischen Konsums bzw. eines Abhängigkeitsverhaltens langfristig.4
Angesichts der hohen Prävalenz des Tabak- und Nikotinkonsums, der negativen gesundheitlichen Folgewirkungen und deren grundsätzlicher Vermeidbarkeit besteht im Gesundheitswesen weiterhin eine Lücke bei der routinemäßigen Erfassung, Adressierung und Behandlung problematischen Nikotinkonsums.
Routinemäßige Umsetzung der Minimalintervention in 3 Schritten
Ein Ansatz, diese Lücke im Berufsalltag der medizinischen Versorgung zu schließen, besteht in der routinemäßigen Umsetzung der Minimalintervention bei Nikotinkonsum. Die Minimalintervention im Zusammenhang mit Nikotin – auch „very brief advice“ genannt – beinhaltet drei Schritte, die für das Gesundheitspersonal wenig Zeit in Anspruch nehmen und dazu beitragen, die Ausstiegsrate zu erhöhen.5,6
Diese drei Schritte sind das Erfragen des Konsumverhaltens, das klare Empfehlen des Konsumstopps und das Vermitteln eines Beratungs-/Behandlungsangebotes. Die WHO empfiehlt, diese Intervention bei allen Patient:innen bei jedem Kontakt umzusetzen.7
Die drei Schritte
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Fragen: Der erste Schritt ist das routinemäßige wiederholte Erfragen des Konsumverhaltens bei allen Patien-t:innen. Da sich die Produktpalette verändert hat, ist es je nach Setting und Fachbereich sinnvoll, die neuen Nikotinprodukte in die Frage einzuschließen. „Rauchen Sie (oder nutzen Sie andere Nikotinprodukte wie z.B. Tabakerhitzer, E-Zigaretten, Nikotinbeutel)?“ Auch wenn das Rauchen häufig beim Erstkontakt erhoben wird, ist es relevant, den Konsum auch bei Folgekontakten zu erheben. Das zeigt die anhaltende Wichtigkeit des Risikoverhaltens, ermöglicht einen Abgleich zum letzten Termin und die Thematisierung beim aktuellen Kontakt.
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Empfehlen: Der zweite Schritt ist das eindeutige Empfehlen des Rauch- bzw. Konsumstopps. Aus medizinischer Sicht ist der Konsumstopp in fast allen Situationen indiziert. Eine klare Formulierung gibt dabei Orientierung. Falls die Situation es zulässt, ist es optimal, die Empfehlung mit einem konkreten individuellen Bezug zu verbinden. Beispiele dafür: „Ich empfehle Ihnen den Rauchstopp, dann senkt sich Ihr Risiko für einen Herzinfarkt!“ „Ich empfehle Ihnen den Rauchstopp, dann verläuft die Wundheilung besser.“ „Ich empfehle Ihnen den Rauchstopp, dann wirkt die (Chemo-)Therapie besser,... dann heilt das Zahnimplantat besser ein,... dann können wir die Diabetesmedikation reduzieren…“
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Vermitteln: Der dritte Schritt umfasst das konkrete Weitervermitteln zu einem verfügbaren Beratungsangebot. Mit Beratung bzw. Behandlung gelingt der Ausstieg aus dem chronischen, häufig abhängigen Konsumverhalten besser als allein. Dennoch suchen wenige Menschen, trotz Unzufriedenheit mit dem eigenen Konsumverhalten, aktiv Hilfe beim Ausstieg, gerade auch weil der Ausstieg an sich eine Hürde darstellt. Daher ist die Vermittlung durch Ärztinnen und Ärzte sinnvoll und effektiv. Das Wissen um ein Hilfsangebot kann die eigene Zuversicht – einer der wichtigsten Aspekte für langfristige Verhaltensänderungen – bestärken. „Hier finden Sie Beratung und Hilfe, ich kann Sie für ein Beratungsgespräch anmelden.“ Wünscht die Person keine Weitervermittlung, ist es empfehlenswert, einen Informationsfolder oder eine Visitkarte des Beratungsangebots zu übergeben. So stehen der betreffenden Person die Informationen zum Unterstützungsangebot auch zu einem späteren Zeitpunkt zur Verfügung.
Effizientes Beratungsangebot: das „Rauchfrei Ticket“
Es besteht die Möglichkeit, Patient:innen direkt zum Beratungsangebot durch klinische Gesundheitspsycholog:innen des österreichweiten Rauchfrei Telefons ( www.rauchfrei.at ) zu vermitteln. Mit dem elektronischen „Rauchfrei Ticket“ können Gesundheitsfachleute als registrierte Zuweiser:innen ihre Patient:innen, wenn diese ihr Einverständnis dazu geben, über die Website des Rauchfrei Telefons zur Beratung durch das Rauchfrei Team anmelden.
Nach der Anmeldung mit Namen und Telefonnummer ruft das Rauchfrei Team innerhalb weniger Tage die angemeldete Person für ein unverbindliches erstes Beratungsgespräch an. Das Kooperationsmodell Rauchfrei Ticket bewährt sich seit vielen Jahren, das Rauchfrei Team erreicht 70% der angemeldeten Personen.8 Dieses Modell erleichtert es den Patient:innen, durch die Vermittlung der Gesundheitsfachleute, denen sie der Regel hohes Vertrauen entgegenbringen, ein professionelles Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen. Näheres dazu unter: https://rauchfrei.at/fuer-gesundheitsberufe/rauchfreiticket/
Die Kombination macht es aus!
Jeder der drei Schritte für sich ist wichtig, die große Wirksamkeit liegt jedoch in der Kombination der drei kleinen Schritte. Was kann passieren, wenn ein oder zwei Schritte fehlen?
Den Nikotinkonsum zu erfragen, signalisiert: Er hat Relevanz für den jeweiligen Kontext. Das wiederholte Erfragen von mehreren Seiten (Kardiologie, Zahnmedizin, Innere Medizin, Gynäkologie…) verdeutlicht der Person, die raucht, außerdem, wie relevant dieses Verhalten für ihre Gesundheit ist. Den Konsum nicht zu erheben, kann somit vermitteln, er wäre jeweils irrelevant.
Wird das Rauchen bzw. das Konsumverhalten erfragt, ohne dass eine weiterführende Empfehlung einer Veränderung gegeben wird, kann das von der Patientin bzw. von dem Patienten auch dahingehend interpretiert werden, dass der Nikotinkonsum keinen Einfluss auf die besprochenen medizinischen Belange hat. Auch hier könnte das Fehlen einer Empfehlung den falschen Eindruck vermitteln, dass es keine Rolle spielt, ob das Konsumverhalten weitergeführt oder beendet wird. Selbst wenn die Person im Moment keine Veränderung wünscht, erhält sie durch die Empfehlung des Rauchstopps diese relevante Gesundheitsinformation zum Risikofaktor Rauchen bzw. Nikotinkonsum.
Wird das Rauchen/Konsumverhalten erfragt und der Stopp empfohlen, folgt jedoch weder die Information über ein Hilfsangbot noch die Vermittlung eines solchen, kann das Patient:innen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zurücklassen. Viele Menschen wissen, dass sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Konsum aufhören sollten, und haben häufig schon mehrere Versuche zum Ausstieg bzw. zur Beendigung des Suchtverhaltens unternommen. Diese Erfahrungen und das Gefühl, sich den Rauchstopp nicht zuzutrauen, können zu Ablehnung oder Resignation führen.
Somit sensibilisiert der erste Schritt „Fragen“ für die Relevanz des Risikofaktors, der zweite Schritt „Empfehlen“ gibt eine klare Handlungsanleitung und bewirkt Orientierung. Der dritte Schritt „Vermitteln“ stärkt die Zuversicht und das Wissen über verfügbare Hilfsangebote.
Die Praxis zeigt, dass sich die Minimalintervention in vielen Settings integrieren lässt, um den Risikofaktor Rauchen konstruktiv zu thematisieren. Mit dem „Rauchfrei Ticket“ kann flächendeckend ein direkt verfügbares Beratungsangebot vermittelt werden. Die wertschätzende Ansprache und die Information zu Hilfsangeboten werden in der Regel gut aufgenommen. Selbst wenn im Moment keine Motivation zur Verhaltensänderung gegeben ist, ist es wertvoll, Informationen zum Risikofaktor und zu Hilfsangeboten für einen passenden Zeitpunkt zu vermitteln.
Ärztinnen und Ärzte erleben die Möglichkeit der Minimalintervention mit der Vermittlung ans Rauchfrei Telefon als Erleichterung im Alltag. So können sie bei knappen Zeit- und Geldressourcen die Beratung „auslagern“ und gleichzeitig sicherstellen, dass ihre Patient:innen Zugang zu spezifischer Beratung erhalten.
Weitere Informationen zum Thema: https://sdw.wien/information/themen/tabak-und-nikotin
Literatur:
1 Deutsches Krebsforschungszentrum, Deutsche Krebshilfe: Tabakatlas Deutschland 2025. Lengerich/Westfalen: Pabst Science Publishers 2025 2 Schmutterer I, Akartuna D: Tabak- und Nikotinkonsum. Zahlen und Fakten 2025. Wien: Gesundheit Österreich 2025 3 World Health Organization: International statistical classification of diseases and related health problems (10th rev.), 2019. https://icd.who.int/browse10/2019/en ; zuletzt aufgerufen am 13.7.2026 4 Batra A et al.: S3-Leitlinie Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung. Berlin: Springer 2021 5 Cheng CCW et al.: Effectiveness of very brief advice on tobacco cessation: a systematic review and meta-analysis. J Gen Intern Med 2024; 39(9): 1721-34 6 Stead LF et al.: Physician advice for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev 2013; (5): CD000165 7 World Health Organization: WHO clinical treatment guideline for tobacco cessation in adults, 2024. https://www.who.int/publications/i/tem/9789240096431 ; zuletzt aufgerufen am 13.7.2027 8 Österreichische Gesundheitskasse: Rauchfrei Telefon – Jahresbericht 2025. https://rauchfrei.at/wp-content/uploads/rTel_jahresbericht-1.pdf ; zuletzt aufgerufen am 13.7.2027
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