Ragweed: Ein hochallergener Neophyt profitiert vom Klimawandel
Autoren:
Dr. Markus Berger1–3
Lukas Dirr, MSc.3,4
Dr. Johannes Bouchal3,4
1 HNO-Abteilung, Klinik Landstraße, Wien,
Wiener Gesundheitsverbund
2 Allergiezentrum Wien West
3 Österreichischer Polleninformationsdienst
4 Abteilung für Strukturelle und Funktionelle Botanik, Fakultät für Lebenswissenschaften, Universität Wien
E-Mail: markus.berger@pollenresearch.com
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Ragweed (Ambrosia artemisiifolia), auch Beifußblättriges Traubenkraut genannt, hatte vor wenigen Jahrzehnten für Allergiker:innen in Österreich kaum Relevanz. Heute steht diese vom Spätsommer bis in den Herbst blühende Pflanze im Mittelpunkt der allergologischen Diskussion.
Keypoints
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Ragweed breitet sich in Österreich weiter stark aus, besonders im Osten und entlang von Verkehrswegen.
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Der Klimawandel verstärkt das Problem: Längere Sommer und mildere Winter fördern Pollen- und Samenproduktion.
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Konsequente Bekämpfung und Monitoring sind dringend nötig, ergänzt durch Servicetools wie den Ragweed Finder ( www.ragweedfinder.at ).
Besonders die pannonisch geprägten Gebiete im Osten des Landes – Burgenland, Niederösterreich und Wien – haben sich zu echten Hotspots entwickelt. Die Ragweedpopulationen setzen hier große Mengen von hochallergenen Pollen frei, was zu einer längeren und intensiveren Pollensaison als in den westlich gelegenen Bundesländern führt.
Von vereinzelten Pflänzchen zur flächendeckenden Plage
Ursprünglich stammt Ragweed aus Nordamerika. Vermutlich wurde es bereits im 19.Jahrhundert unbeabsichtigt durch die Einfuhr von Saatgut, das mit Ragweed-Samen kontaminiert war, nach Europa eingeschleppt. Lange Zeit blieb die Pflanze unauffällig und fristete ein Schattendasein. Seit den 1970er-Jahren nahm seine Ausbreitungsgeschwindigkeit, ausgehend von Ungarn, rasant zu.1,2 Dabei siedelt sich die Pflanze meist auf landwirtschaftlichen Flächen oder an anderen stark vom Menschen beeinflussten Ruderalstandorten (z.B. Baustellen, Schutthalden) an. In den vergangenen 25 Jahren hat sich diese Ausbreitungsdynamik erneut beschleunigt. Verkehrswege, insbesondere Straßen- und Autobahnbankette, aber auch das Schienennetz, stellen ideale Verbreitungskorridore für diesen Neophyten dar.
Auch durch die Verschleppung von mit Ragweed-Samen kontaminiertem Erdreich, sei es bei Baumaßnahmen oder durch Anhaftung an landwirtschaftlichen Maschinen, konnte die Pflanze rasch neue Gebiete besiedeln.3 Zusätzlich haben ihre Samen eine jahrzehntelange Keimfähigkeit.4 Dies bedeutet, dass Ragweed an Standorten, an denen es entfernt wurde, in den darauffolgenden Jahren erneut aufkommen kann und entfernt werden muss. Das erschwert eine nachhaltige Bekämpfung, da ein konsistentes und langjähriges Monitoring der befallenen Flächen erforderlich ist, bis diese wieder ragweedfrei sind.
Klimawandel begünstigt die Ausbreitung
Neben der Verbreitung von Ragweed entlang von Hauptverkehrswegen begünstigt auch die Klimaerwärmung die Ausbreitung dieses Ackerbeikrauts in mehrfacher Hinsicht:
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Wärmere und längere Sommer verlängern die Vegetationsperiode der Pflanze, was zu einer erhöhten Samen- und Pollenproduktion führt.
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Milde Winter verbessern die Überlebenschancen der Samen im Boden.
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Die wärmeliebende Pflanze profitiert von den steigenden Durchschnittstemperaturen.
Modellberechnungen, die den Klimawandel einbeziehen, prognostizieren, dass sich die Ragweed-Pollenkonzentrationen in Europa bis 2050 vervierfachen werden, wobei ein Großteil dieses Anstiegs direkt auf klimatische Veränderungen zurückzuführen ist ist.5
Allergische Beschwerden auf Ragweed fallen häufig besonders stark aus. Bereits wenige Pollenkörner pro Kubikmeter Luft können starke Symptome auslösen. Neuere Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass Umweltfaktoren wie die Schadstoffbelastung am Standort der Pflanze die Allergenität der Pollenkörner bzw. der auf und in ihnen zu findenden Proteine zusätzlich verstärken können.6
Kreuzreaktionen erhöhen die Belastung
Das zentrale Problem für viele Betroffene ist jedoch der sogenannte Beifuß-Ragweed-Komplex. Dieser allergologische Begriff beschreibt das Phänomen der Kreuzreaktivität zwischen dem heimischen Gemeinen Beifuß (Artemisia vulgaris; Abb.1a) und dem Neophyten Ragweed (Ambrosia artemisiifolia; Abb.1b). Aufgrund der ähnlichen Proteinstruktur der Hauptallergene kann das Immunsystem einer sensibilisierten Person oft nicht zwischen den beiden unterscheiden.7 Diese Kreuzreaktivität führt zu einer dramatischen Verlängerung der Leidenszeit. Für Allergiker:innen, die auf den Pollen von einer der beiden Pflanzen sensibilisiert sind, bedeutet das potenziell eine Belastungsperiode, die von Mitte Juli bis Mitte Oktober andauern kann. Die Symptome beim Kontakt mit diesen hochallergenen Pollenkörnern reichen von allergischer Rhinokonjunktivitis bis hin zu Atemnot und allergischem Asthma.
Abb. 1: Die Kreuzreaktivität zwischen dem heimischen Gemeinen Beifuß (Artemisia vulgaris; links) und Ragweed (Ambrosia artemisiifolia; rechts) verschlimmert die Belastung
Hoher wirtschaftlicher Schaden
Die Belastung durch Ragweed ist sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich erheblich und hat bereits große Ausmaße erreicht. Allein in der Europäischen Union beziffert sich der volkswirtschaftliche Schaden durch Ragweed-Allergien, einschließlich Behandlungskosten und Arbeitsausfällen, jährlich bereits auf etwa 7,4 Milliarden Euro.8 Zusätzlich zu dieser Summe entstehen auf nationaler Ebene weitere direkte Kosten. In der Landwirtschaft gilt die Pflanze als aggressives Ackerbeikraut, das vor allem in Sommerkulturen wie Sonnenblumen, Soja, Mais und Kürbis zu massiven Ertragseinbußen führt. Ragweed entzieht den Nutzpflanzen Wasser, Nährstoffe und Licht. Weiters kann die Verunreinigung von Erntegut mit Ragweed-Samen die Qualität und den Marktwert mindern. Es ist davon auszugehen, dass die Kosten für die Ausbringung von Herbiziden und Ernteverluste für landwirtschaftliche Betriebe in den nächsten Jahren zu einer maßgeblichen finanziellen Belastung anwachsen werden.
Gleichzeitig entstehen für die Infrastrukturerhalter von Ländern und Gemeinden enorme Kosten. Sie sind angehalten, die Ausbreitung der Pflanze auf ihren Flächen (Straßenränder, Bahndämme, öffentliche Grünflächen) zu verhindern. Dies erfordert wiederholte personal- und kostenintensive Mähdurchgänge oder manuelle Entfernungsmaßnahmen, die die Budgets für die Grünraumpflege stark belasten.
Apps und Chatbots zu Ragweed-Hotspots und wichtige Maßnahmen
Die rasante Ausbreitung von Ragweed ist längst nicht mehr nur ein gesundheitliches und wirtschaftliches Problem, das sich auf die pannonische Region im Osten Österreichs beschränkt. Auch aus Tirol, insbesondere aus dem Inntal, wurden bereits signifikante Ragweed-Hotspots gemeldet. Die Prognose für 2026 und die Folgejahre lässt ohne konsequente Bekämpfungsmaßnahmen eine weitere Verschärfung der Situation erwarten. Um diese Entwicklung einzudämmen, wäre eine konsequente österreichweite gesetzliche Regelung erstrebenswert. Das im Burgenland verabschiedete Ragweed-Bekämpfungsgesetz könnte dafür als Blaupause herangezogen werden.
Tools wie der Ragweed Finder ( www.ragweedfinder.at ) des Österreichischen Polleninformationsdienstes sind dabei von unschätzbarem Wert. Mit diesem Citizen-Science-Projekt wird nicht nur das Bewusstsein in der Bevölkerung gesteigert, sondern auch das Ausmaß der Ausbreitung dieses invasiven Neophyten zu dokumentieren, um so den Druck auf die Politik zu erhöhen und eine umfassende gesetzliche Handhabe gegen diesen invasiven Neophyten zu schaffen. Bis dahin ist es für Allergiker:innen umso wichtiger, gut informiert zu sein.9 Betroffene Personen können zum Beispiel die Ragweedlandkarte auf www.ragweedfinder.at heranziehen, um Ragweed-Hotspots während geplanter Freizeitaktivitäten zu meiden.10
Aber auch der Österreichische Polleninformationsdienst bietet auf seiner Website www.polleninformation.at und über seine Apps tagesaktuelle Prognosen. Eine wertvolle Unter-stützung ist hierbei auch der neu entwickelte KI-Chatbot „Pollee“, der auf der Website zu finden ist und individuelle Fragen zur Pollenbelastung beantworten kann.
Literatur:
1 Essl F et al.: Changes in the spatio-temporal patterns and habitat preferences of Ambrosia artemisiifolia during its invasion of Austria. Preslia 2009; 81(2): 119-33 2 Richter R et al.: Spread of invasive ragweed: climate change, management and how to reduce allergy costs. J Appl Ecol 2013; 50: 1422-30 3 Karrer G et al.: Ambrosia artemisiifolia in Österreich und angrenzenden Staaten. St. Pölten: Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Landentwicklung 2009 4 Karrer G: Germination and viability of ragweed seeds. In: Soeltner U et al.: HALT Ambrosia – final project report and general publication of project findings. Braunschweig: Julius-Kühn-Institut, 2016 5 Hamaoui-Laguel L et al.: Effects of climate change and seed dispersal on airborne ragweed pollen loads in Europe. Nat Clim Chang 2015; 5(8): 766-71 6 Liu SH et al.: Influence of the environment on ragweed pollen and their sensitizing capacity in a mouse model of allergic lung inflammation. Front Allergy 2022; 3: 854038 7 Hemmer W: Beifuß und Ragweed – ein ungleiches Paar. Allergo Journal 2014; 23(5): 8-48 8 Schaffner U et al.: Biological weed control to relieve millions from Ambrosia allergies in Europe. Nature Communications 2020; 11(1): 1745 9 Jahresberichte und Publikationen des Österreichischen Polleninformationsdienstes (aufrufbar über www.polleninformation.at ) 10 Dirr Let al.: The Ragweed Finder: A citizen-science project to inform pollen allergy sufferers about ambrosia artemisiifolia populations in austria. Applied Sciences 2025; 15(22): 12333
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